Reisen in Tyria: Kapitel eins

By Vikki

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Auf der diesjährigen MomoCon hielten Narrative Director Leah Hoyer und Narrative Designer Ross Beeley ein Panel zu den Grundlagen des Narrative Designs für Guild Wars 2 ab. Mithilfe des Publikums erstellten sie ein grundlegendes Konzept für einen neuen Charakter. Die Heldin und ihr Moa besuchen auf ihrer Reise bekannte Gebiete. Begleitet sie während dieser Reihe auf ihren Abenteuern und seht die Welt durch Vikkis Augen.

Da Momo unbedingt Insekten jagen musste, kamen wir zu spät zur Schrott-Auktion – auch bekannt als jährlicher Amateur-Erfindermarkt. Als wir Soran Draa betraten, war es, als ob der Boden zum Leben erwacht wäre. Momo steckte ihren großen Schnabel in das Gras. Dabei riss sie mir beinahe die Zügel aus den Händen.

So kamen wir schließlich am letzten Ort an, an dem ich sein wollte. Wir waren fünfzehn Minuten zu spät, ich drängelte mich an den Besuchermassen vorbei und rang dabei mit einem Vogel, der dreimal so groß war wie ich. Ich rede mir gerne ein, ich hätte Momo gut erzogen, doch Moas sind von Natur aus scheue Tiere. Als sie sich endlich in ihren Stall bringen ließ und ich mit dem Auspacken begann, bedachte sie die vorbeilaufende Menge mit leisen, argwöhnischen Lauten.

„Wenn wir hier fertig sind, kannst du so viele Insekten jagen, wie du möchtest. Eine ganze Stunde lang.“ Eilig baute ich meine Erfindung auf. Ich überprüfte schnell Geschirr und Gehäuse und legte es dann Momo an, bis der biothermische Analysator genau auf ihrem Brustbein saß. Im Anschluss führte ich einen Test durch. Sogleich erschien eine Schätzung von 15 Jahren. Die Anzeige war deutlich zu lesen. „Glaub mir, ich bin auch froh, wenn dieses ganze Theater vorbei ist.“

„Squak.“ Momo plusterte ihre leuchtend rosa Federn auf, legte ihren Kopf zur Seite und starrte auf ein Fleckchen Gras, als ob sie jeden Moment ein Kriechtier erwartete. Ich musste über sie lachen und fühlte mich ein wenig besser.

Zum ersten Mal war ich froh, dass mein Existenzprognostikator nicht zu protzig und kompliziert war. Einige der anderen Erfindungen, die zum Verkauf standen, waren riesig und mit blinkenden Lichtern und Terminals versehen. Ich sicherte mir für wenig Geld einen Stand fernab des Hauptwegs. So sanken zwar meine Chancen, einen Käufer zu finden, doch ich glaubte sowieso nicht, dass sich jemand für meine Erfindung interessieren würde.

Eine Stimme stach aus dem Getöse der Menge hervor. „Wenn das nicht die grasfressende Katastrophe ist! Ich dachte, du hättest das Handtuch geworfen, Vikki.“

„Tonni.“ Ich atmete tief durch, bevor ich mich umdrehte. „Stellst du heute etwas aus?“

Tonni kämpfte sich zu meinem Stand vor und warf mir einen dieser kalten, abschätzenden Blicke zu, vor denen ich mich schon zu meiner Schulzeit fürchtete. Ihr Haar hing in präzise geformten Locken über ihre langen Ohren. Ihr geschmeidiger schwarz-roter Wams war mit den neuesten Magitech-Verbesserungen ausgestattet. Es war nicht anzunehmen, dass sie nach dem Kolleg eine schwierige Zeit durchmachen, sich ihre Fehler eingestehen musste und sie jetzt wiedergutmachen wollte.

„Ich bin zum Kaufen hier.“ Sie rümpfte die Nase. „Unter Umständen. Ich suche sozusagen nach Rohdiamanten. Brillante Ideen, die ihrer Zeit voraus sind, ambitionierte Einzelprojekte, die von nicht nachvollziehbaren ethischen Einschränkungen gebremst werden – solche Dinge.“

Ich musste schlucken. „So etwas habe ich nicht im Angebot.“

„Schockierend.“ Sie beäugte Momo von oben bis unten. „Ist dieses Ding auf dem Vogel deine Erfindung? Was ist es?“

Ich wollte ihr am liebsten sagen, sie soll sich davon scheren und ein paar Käfer jagen, doch was, wenn sie die einzige Interessentin wäre? Was, wenn sie wirklich neugierig auf meine Erfindung wäre? Ich richtete mich auf und brachte das Analysator-Geschirr in Ordnung. Momo schnaubte. „Das ist der Existenzprognostikator“, erklärte ich. „Er … er sagt die verbleibende Lebenserwartung von domestizierten Nutztieren voraus.“

„Klingt ein wenig umständlich. Das Ding sagt also die Lebenserwartung eines Tieres voraus?“

Meine Ohren glühten, doch ich fuhr fort. „Er kann jede denkbare Krankheit mithilfe einer Ganzkörperuntersuchung des Tieres erkennen – Ruhig, Momo!“

Momo quakte und stürzte sich auf das Gras. Sie hatte etwas gewittert. Ich zog sie sachte zurück. Ich glaubte, Tonni kichern zu hören.

„Warum führst du mir deine Erfindung nicht mal vor?“, fragte sie. „Wenn dein Vogel mitspielt.“

„Natürlich macht sie mit. Brr, Momo!“ Ich justierte den Halter, strich Momos Federn glatt und zog meinen Kopf ein, als ich den Existenzprognostikator anschaltete. Er piepte, klingelte und ließ Momo für einen kurzen Moment in einem violetten Blitz aufleuchten. Das alles war für die Analyse vollkommen unerheblich, doch meine Mentorin Floxxa hielt ein bisschen Dramatik für angebracht. „Wie du siehst, hat dieser Moa noch …“

Ich hielt inne und starrte auf die Anzeige. Das konnte nicht sein. Das musste ein Fehler sein.

Tonni schaute mir über die Schulter und las die Anzeige. „Ein Jahr?“

„Das kann nicht stimmen“, stammelte ich. „Es sollten fünfzehn Jahre sein, nicht nur eins. Sie ist erst ein Jahr alt. Ich habe das Gerät doch eben getestet! Das muss …“

„Eine Fehlfunktion sein?“ Sie schüttelte den Kopf und seufzte. „So ein Pech. Für einen fehlerhaften Prototyp zahle ich dir ein Fünftel des Preises.“

Ich saß unter einem Baum und beobachtete die anderen Amateur-Erfinder, die ihre letzten unverkauften Projekte einpackten. Einige von ihnen gingen mit Tränen in den Augen. Ich fühlte mich zwar schrecklich, so etwas zu denken, doch wenigstens war meine Erfindung nicht die einzige mit Fehlfunktion.

„Es war wirklich eine Fehlfunktion“, beruhigte ich meine erschöpfte Gefährtin. Sie hatte sich im Gras austoben dürfen, nachdem ich den Existenzprognostikator an Tonni verkauft hatte. Momo legte ihren Kopf auf mein Knie. Ich drückte die langen Federn ihres Kamms nach unten, um sie wieder aufspringen zu lassen. „Nächstes Jahr können wir es noch mal versuchen.“

Nächstes Jahr. Mein Magen verkrampfte sich. Was, wenn es gar keine Fehlfunktion war? Was, wenn Momo meinetwegen ihr letztes Jahr in Tyria mit ihrem Spielzeug in der Ecke von Floxxas Labor verbringen muss, während ich mir den Kopf über eine andere Erfindung zerbreche? Und das nur, weil es einfacher war, zu glauben, dass mein erstes Projekt gescheitert war. Wäre das hier eine dieser Lehrgeschichten, mit denen ich aufgewachsen bin, dann wäre es wohl wirklich so gekommen.

Natürlich hatten die Protagonisten dieser Geschichten immer einen Grund, an ihre Erfindungen zu glauben.

„In Kryta gibt es Moa-Viehzüchter“, dachte ich laut. Ich kraulte Momo zwischen den Augen. „Bei denen könnten wir uns eine zweite Meinung einholen.“

Ich kannte Kryta nur von Gemälden, aber die Vorstellung, unter dem blauen Himmel über ein Meer aus Gras zu wandern, vertrieb ein paar düstere Gedanken aus meinem Kopf. Ich stellte mir vor, wie Momo über die Felder flitzte, ihre Beine streckte und sich sonnte. Ich hatte immer zu viel zu tun oder war zu müde, um mit ihr an interessante Orte zu gehen.

Meine einzige Hoffnung, in Rata Sum als Wissenschaftlerin anerkannt zu werden, war fort. Und das Geld, das ich erhalten hatte, deckte gerade so die Ausgaben für das Labor. Ich hatte nicht mal genug Münzen, um ein Portal nach Götterfels zu nehmen. Wenn Momo nun verletzt oder krank war …

Sie schien jedoch bei bester Gesundheit zu sein. Als ich zu ihr herunterblickte, trillerte sie mir leise zu. Ganz so, als ob sie sagen wollte: „Ein Abenteuer? Los geht‘s!“

„Na, wie wäre es, Momo?“ Ich hoffte, ich würde zuversichtlicher klingen, als ich mich fühlte. „Möchtest du einen Spaziergang machen?“

Quelle: https://www.guildwars2.com/de/news/tyrian-travels-chapter-one/